Roberto Zucco.Amelie - Schauspiel Stuttgart

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"Man kann immer aus dem Gleis geraten" (Bernard-Marie Koltès). ... Roberto Zucco ist der italienische Serienmörder Roberto Succo, der Ende der 80er Jahre.

Roberto Zucco "Man kann immer aus dem Gleis geraten" (Bernard-Marie Koltès). Auch in Koltès' Stück "Roberto Zucco" ist dieser aus dem Gleis geraten. Roberto Zucco wurde zum Mörder, zu einem Mörder, der über seine Motive schweigt, der vor den Konsequenzen seiner Taten und möglicherweise auch vor sich selbst zu fliehen versucht und scheitert. Das Stück hatte seine Premiere im SCHAUSPIEL NORD am 18. Februar 2012. Bernard-Marie Koltès' Stück beruht auf einer wahren Begebenheit. Das reale Vorbild für Roberto Zucco ist der italienische Serienmörder Roberto Succo, der Ende der 80er Jahre mindestens sieben Menschen umbrachte, darunter seine eigenen Eltern. Auch Koltès' Hauptfigur Roberto Zucco begeht Mord an seinen Eltern. Nachdem er seinen Vater aus dem Fenster gestoßen hatte, und dieser daraufhin stirbt, wird Zucco in ein Zuchthaus gesperrt, aus dem er flieht. Zucco kehrt zu seiner Mutter zurück, die er während einer Umarmung erdrosselt. Während seiner weiteren Flucht entjungfert er ein Mädchen, dem er seinen wahren Namen verrät, obwohl er diesen sonst streng geheim hält. Er taucht ins Rotlichtmilieu ab, tötet einen Inspektor und prügelt sich in einer Bar halb tot. Roberto Zuccos Geschichte nimmt ihren Höhepunkt, als er in einem Park eine Mutter mit ihrem Kind als Geiseln nimmt. Da seine Forderungen nicht erfüllt werden, bringt er das Kind um. In der Inszenierung von Mareike Mikat, aufgeführt im SCHAUSPIEL Nord, stellen die drei Schauspieler Toni Jessen, Lukas Rüppel und Fridolin Y. Sandmeyer sowohl alle Roberto Zucco, als auch die anderen 18 Charaktere dar. Neville Attree unterstützt das Geschehen auf der Bühne zusätzlich musikalisch. Die zum Publikum abfallende Bühne bedeutet zwar für die Schauspieler eine besondere Herausforderung, lässt das Geschehen aber näher und greifbarer erscheinen. Auf der linken Seite des Bühnenbildes, das von Maike Storf entworfen wurde, ist ein Garagentor in die Schräge eingelassen, durch das die Schauspieler hinter die Bühne gelangen können. Auf der rechten Seite wurde ein Flügel so aufgestellt, dass dieser die einzig gerade Oberfläche der Bühne darstellt. Da Roberto Zucco durch den Mord an seinem Vater die Balance in seinem Leben verloren hat und auf die schiefe Bahn geraten ist, ist dieses Bühnenbild perfekt gewählt. Zu bewundern ist auch die Idee der Regisseurin, die Vielschichtigkeit Roberto Zuccos mittels dreier Schauspieler darzustellen. Die Frage nach der eigentlichen Persönlichkeit Roberto Zuccos zieht sich durch das gesamte Stück – ist er wirklich nur der motivlose Mörder, der wahllos tötet, als den ihn die Gesellschaft sieht, oder der Held, der sich in keine Strukturen zwingen lässt, den das Mädchen so bewundert oder ist er der einfache, nette Linguistikstudent, den der alte Mann kennenlernt? Toni Jessen, Lukas Rüppel und Fridolin Y. Sandmeyer zeigen diese Seiten Zuccos sehr anschaulich. Als Zucco so zum Beispiel nach seiner Flucht zu seiner Mutter zurückkehrt, spielt Lukas Rüppel den verletzlichen, unsicheren Jungen, der von seiner Mutter in die Arme genommen werden möchte, während Fridolin Sandmeyer im Hintergrund mit ausdruckslosem Gesicht seine eigene Mutter erwürgt und so den gewalttätigen, mitleidslosen Mörder darstellt. Die Frage nach dem wahren Zucco wird in Koltès' Stück und in der Adaption von Mareike Mikat nicht beantwortet. Zucco wird meist von außenstehenden Personen beschrieben, nur in dem Gespräch mit dem alten Mann erzählt Zucco von sich selbst als einem normalen Studenten, weswegen man annehmen kann, dass es sich hierbei um den "wahren" Zucco handelt. Doch was hat diesen normalen Studenten dazu gebracht, zu morden? Auch diese Frage wird nicht beantwortet, lediglich bei Zuccos letztem Mord an dem Kind lässt sich eine Teilschuld bei der Gesellschaft und der Polizei vermuten. Während der Geiselnahme wird der Zuschauerraum erleuchtet und das Publikum selbst zum Teil der Aufführung. Die

Zuschauer übernehmen die Rolle der sensationslüsternen Menschenmasse, die zwar beobachtet, aber nicht eingreift. Die Kritik an unserer voyeuristischen Gesellschaft wird durch diese Verfremdung sehr eindrücklich und wirkungsvoll dargestellt. Aufgefallen ist die Aufführung auch durch die verschiedenen Bühneneffekte, so werden zum Beispiel in einigen Szenen Videos an die Wand und auf das Garagentor projiziert, das Klavier enthält Schlamm und Wasser, Luftballons und Konfetti fallen von der Decke herab und durch die eingesetzte Live-Kamera entsteht eine zusätzliche Perspektive. Durch die Videos und die Live-Aufnahmen erscheint die Bühne lebendiger und vielseitiger. Zwar sind auch die anderen Effekte kreativ eingesetzt, jedoch überladen sie die Aufführung vor allem gegen Ende ein wenig. Auch insgesamt ist das Ende teilweise diffus, da sich schwer verfolgen lässt, wen die Schauspieler darstellen und was letztendlich mit Zucco geschieht. Zu empfehlen ist "Roberto Zucco" von Bernard-Marie Koltès trotzdem in jedem Falle. Das Stück ist mitreißend, kurzweilig und von aktueller Thematik. Den Darstellern gelingt es hervorragend, alle Rollen glaubwürdig zu verkörpern, sie lassen ein vielseitiges Bild Roberto Zuccos entstehen und erhalten dadurch die Spannung während der Aufführung aufrecht.

Amelie Grupp & Alix Budelmann